Wettesingen wird eines der größten Bioenergiedörfer

Ein Dorf macht Bio-mobil

51° 27‘ 5“ nördliche Breite, 9° 10‘ 57“ östliche Länge: Knapp 30 Kilometer nordwestlich von Kassel, am Rand des Naturparks Habichtswald und an der Grenze zwischen Hessen und Nordrhein-Westfalen, liegt das Dorf Wettesingen. Der 1 152-Einwohner-Ortsteil der Gemeinde Breuna mit seinen schönen, denkmalgeschützten Fachwerkhäusern ist im Rest der Republik nicht sonderlich bekannt. Doch das könnte sich ändern: Wettesingen ist eines der größten Bioenergiedörfer in Deutschland. Mehr als die Hälfte der ca. 370 Haushalte bezieht seine Heizenergie über ein Nahwärmenetz aus unweit gelegenen Heizzentralen, die sich ausschließlich aus nachwachsenden Rohstoffen speisen.

Attraktive finanzielle Perspektiven

Ein wichtiges Motiv, mitzumachen: Vier von fünf Häusern im Ort sind Fachwerkbauten und stehen unter Denkmalschutz, die sich – wenn überhaupt – kaum zu vernünftigen Kosten energetisch sanieren lassen. Bei sehr volatilen Energiepreisen kann die komfortable Wärme aus regionalen Energieträgern produziert werden und trägt somit zur Wertschöpfung vor Ort bei. Die etwa sieben Cent je Kilowattstunde Wärme, die sich beim Einsatz von Bioenergie ergeben, bedeuten zum Projektstart eine Einsparung von rund 30 Prozent gegenüber der Ölheizung, pro Hausanschluss im Schnitt etwa 1 500 Euro pro Jahr. Dass die Heizkosten künftig unabhängig vom Ölpreis und damit langfristig kalkulierbar sein würden, erhöht die Attraktivität des Angebots.

Ebenfalls verlockend ist die Aussicht, sich um nichts mehr kümmern zu müssen. Heizkesselwartung, Schornsteinfegergebühren, Modernisierungsinvestitionen – all das kann der Hausbesitzer künftig vergessen. Auf den knapp bemessenen Grundflächen der hübschen Fachwerkhäuser kommt schließlich noch das Argument hinzu, den Heizraum und den Öl-Lagerraum anders nutzen zu können. Die Wärme-Übergabestation, die das Haus mit dem Nahwärmenetz verbindet, beansprucht gerade einmal den Platz eines wandhängenden Gasheizkessels. Angesichts dieser Vorteile konnte sich eine große Zahl von Hausbesitzern mit der Anfangsinvestition von rund 4 500 Euro anfreunden.

Start mit 200 Haushalten

So kam das Projekt Bioenergiedorf rasch voran. Bereits im September 2010 gründeten die Wettesinger ihre Energiegenossenschaft. Inzwischen ist auch die Bauleitplanung der Gemeinde Breuna um den Bebauungsplan für das „Sondergebiet Bioenergie Wettesingen“ erweitert. Zunächst wird das Nahwärmenetz darauf ausgelegt sein, ca. 200 Haushalte im Ort mit Heizenergie zu versorgen. 52 Haushalte werden bereits im ersten Durchgang angeschlossen, ca.137 weitere dann in den nachfolgenden Bauabschnitten. „Rund 20 weitere können wir noch kurzfristig aufnehmen“, so Oliver-Marc Mende, Vorstandsmitglied der Genossenschaft.

Gesamte Technik kommt von Viessmann

Zwei Besonderheiten zeichnen das Bioenergieprojekt im Naturpark Habichtswald aus. Zum einen wird Wettesingen als erstes deutsches Bioenergiedorf seine Wärme zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien beziehen – selbst für tiefe Wintertemperaturen ist keine Reserveheizung mit Öl- oder Gaskesseln vorgesehen. Zum anderen liefert nur ein Ansprechpartner die gesamte Anlagentechnik des Genossenschaftsprojekts. Vom Biogaskessel und dem Blockheizkraftwerk über drei Holzpelletkessel, drei Photovoltaikanlagen bis hin zum Nahwärmenetz einschließlich der Übergabestationen in den einzelnen Häusern: Alles kommt von der Viessmann Group.

Die neuen Anlagen ergänzen das bisherige Bioenergie-Angebot im Dorf. Denn für die Wettesinger ist diese Technik keineswegs Neuland. Bereits im März 2007 ging eine Biogasanlage mit angeschlossenem Blockheizkraftwerk (BHKW) am Dorfrand mit einer Leistung von 500 Kilowatt in Betrieb. Diese Anlage lieferte in erster Linie Strom, der in das Netz des örtlichen Energieversorgers E.ON eingespeist wurde. Die Abwärme diente zunächst dazu, Holz und die Gärreste aus der Biogaserzeugung zu trocknen sowie zwei Wohnhäuser und den Schweinestall des Landwirts Ingo Baake zu beheizen.

Unternehmerischer Vorstoß einer engagierten Gruppe

Allerdings: Die „alte“ Bioenergieanlage war kein breit angelegtes Bürgerprojekt, sondern der unternehmerische Vorstoß einer kleinen, engagierten Gruppe. Der Landwirt Ingo Baake, der 9 600 Quadratmeter Gelände zur Verfügung stellte und dann große Teile der Biomasse lieferte und nach wie vor liefert, hatte gemeinsam mit drei Wissenschaftlern der Universität Kassel – Prof. Dr.-Ing. Franz-Bernd Frechen, Dr.-Ing. Martin Wett und Dipl.-Ing. Marco Ohme – die BBB Biogas Breuna GmbH & Co. KG gegründet, die bis heute Gas, Strom und Wärme produziert. Marco Ohme wurde mit Martin Wett Geschäftsführer der Firma. Diese Position hat er auch nach seinem Wechsel in die Wirtschaft behalten – Ohme ist heute Leiter der Geschäftseinheit „Bioenergiedörfer und -systeme“ der Viessmann Group.

BBB Biogas wird auch die neue Energiegenossenschaft mit Gas beliefern. Zu diesem Zweck hat das Unternehmen die Anlage mit einem zusätzlichen Gärkessel und einem neuen Gärrest-Lager auf 866 Kilowatt elektrische Leistung erweitert. Das zusätzliche Gas fließt über eine 380 Meter lange Mikrogasleitung zum neuen 366-Kilowatt-Blockheizkraftwerk Vitobloc 200 der Genossenschaft, das direkt neben einer Gärtnerei steht. Im Winter wird die Gärtnerei den größten Teil der Wärme dieses BHKW übernehmen – bislang verbrauchte sie allein im Winter rund 60 000 Liter Heizöl. Wird eines der BHKW gewartet, steht noch eine Containerheizzentrale mit einem Biogaskessel Vitoplex 200 mit 1 300 Kilowatt thermischer Leistung zur Verfügung, der das überschüssige Gas in Wärme wandelt und nicht wie bei anderen Biogasanlagen das Gas über eine Notfackel ungenutzt in die Atmosphäre verbrennt.

Drei Pelletkessel Vitoflex 300 in zusätzlicher Wärmezentrale

Neben der Gärtnerei werden eine Metzgerei, eine Schreinerei, zwei Kirchen, das Rathaus, die Mehrzweckhalle, der Kindergarten, das Feuerwehrhaus und die Sparkasse in Wettesingen an das Netz angeschlossen. Dafür, dass auch der Rest des Dorfs im kalten Winter nicht frieren muss, sorgt eine zusätzliche Wärmezentrale mit drei Pelletkesseln Vitoflex 300, in denen Holzpellets verbrannt werden. Sie sollen den gelegentlichen Spitzenbedarf an Heizenergie decken und als Reserveaggregate für mögliche Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten der anderen Anlagen dienen. Mit ihren thermischen Leistungen von 390, 540 und 720 Kilowatt sind sie so ausgelegt, dass sie ihre Produktion flexibel an den jeweiligen Wärmebedarf anpassen können. Darüber hinaus können zwei Pufferspeicher von 36 & 120 Kubikmetern überschüssige Wärme aufnehmen und ebenfalls bei Bedarf ins Netz abgeben.

Das genossenschaftliche BHKW ist bereits seit Ende 2011 am Netz. Die weiteren Komponenten der neuen Heizzentrale ebenso wie das zehn Kilometer lange Nahwärmenetz sind bis Ende 2014 fertiggestellt worden. Die Ökobilanz des Bioenergie-Einsatzes kann sich sehen lassen: Die Biomasse aus der Region ersetzt jährlich 600 000 Liter Heizöl. Damit vermeiden die Wettesinger die Emission von 1 300 Tonnen Kohlendioxid – ein starker Beitrag zur CO2-Reduzierung.

Und ganz nebenbei ergab sich für die Wettesinger eine weitere Verbesserung: Als zusätzlicher Service wurde durch den gesamten Ort Glasfaserkabel (schnelles Internet 100mbit) parallel zum Wärmenetz gemeinschaftlich von Genossenschaft und Viessmann verlegt.

Weitere Informationen unter:
www.viessmann.de
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