Caroline König, Stadt Münster

Ein Jahr lang, bis Anfang 2020, arbeiten 12 Haushalte, 13 Unternehmen und ein Team der Stadt Münster mit externer Unterstützung im Reallabor für klimafreundliche Entscheidungen an neuen Wegen, Klimaschutz im Alltag zu integrieren und das individuelle Verhalten nachhaltig zu verändern. Das gelingt so gut, dass die Stadt Münster mit den gewonnenen Erkenntnissen nun 30.000 Münsteraner Bürgerinnen und Bürger zu klimafreundlichem Verhalten qualifizieren wird. Der Kern des Ansatzes sind ehrenamtliche KlimaTrainerinnen und Trainer.

Eine Stadt kann ihren Bürgerinnen und Bürgern keine Vorgaben für klimafreundliche Lebensentwürfe und Lebensziele machen. Gleichwohl können Städte Transformationsprozesse für mehr energie- und klimafreundliches Verhalten in der Stadtgesellschaft aktiv gestaltet, beschleunigen und in Teilen steuern.

Mit dem Reallabor für klimafreundliche Entscheidungen hat die Stadt über ein Jahr Prinzipien herausgearbeitet, wie die Transformation der Stadtgesellschaft zu mehr Klimaschutz aktiv und mit Erfolg gefördert werden kann. Und darüber ihre kommunale Managementaufgabe in diesem Prozess weiter definiert.

Wie können private Haushalte zu einem klima- freundlichen Verhalten motiviert werden und was brauchen diese an Unterstützung, um es im Alltag dauerhaft umzusetzen? Welche Rolle spielen dabei die Anbieter klimafreundlicher Produkte und Dienstleistungen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Reallabors.

Haushalte und Anbieter zusammenbringen

Entstanden ist die Idee für das Reallabor bei der Entwicklung der „Münsteraner Strategie für klimaschonende Entscheidungen“ im Rahmen des Masterplans 100 % Klimaschutz. Das Projekt wurde zu Teilen im Rahmen vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert. Der besondere Münsteraner Ansatz besteht darin, Anbieter von klimafreundlichen Produkten und Dienstleistungen mit den Haushalten als potenzielle Nachfragerinnen und Nachfrager zusammen zu bringen und bestehende Angebote für die privaten Haushalte in Münster weiter oder auch neu zu entwickeln.

Zwölf Münsteraner Haushalte wurden aus einer Vielzahl von Bewerbungen, die nach einem Aufruf in der Tageszeitung auf das Projekt eingegangen waren, ausgewählt. Gefragt waren dabei nicht bereits routinierte Klimaschützerinnen und -schützer, sondern neugierige Haushalte, die sich wünschten, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Dabei spielten ganz unterschiedliche Motive eine Rolle.

Klimacoaching als individueller Einstieg

Zunächst ging es darum die persönliche Motivation zu erfragen, daraus individuelle Ziele und die ersten Schritte zur Zielerreichung zu ermitteln. Dies wurde über Klimacoachings ermittelt, die bei den Haushalten zu Hause durchgeführt wurden. Die Coachings wurden durch die Stadt Münster und von professionell ausgebildeten systemischen Coaches durchgeführt.
Ergebnis des Coachings: Ein individueller Maßnahmenplan. Jeder Haushalt setzte sich in den Feldern Mobilität, Konsum und Ernährung, Wohnen und Energie persönliche Entwicklungsziele und Schwerpunkte.

Angebote ausprobieren, Routinen etablieren

Mit dem individuellen Maßnahmenplan ausgestattet begannen die Haushalte ihren Lebensalltag mit Blick auf ihre individuell gestellten Ziele auf den Prüfstand zu stellen. Tatkräftige Unterstützung gab es in der ersten Projektphase von 13 beteiligten Münsteraner Unternehmen, Initiativen und Vereinen. Sie stellten konkrete, alltagstaugliche Dienstleistungen, Produkte und Angebote probeweise zur Verfügung und berieten die Haushalte als Themenpaten.

Neugierig, engagiert und mit viel Spaß an der Sache ließen sich die Projektteilnehmenden auf viele kleine und große Experimente ein: Wie gut lässt sich ein Lastenfahrrad im Alltag bewegen? Lässt sich das elektrische Stadtteilauto in den Alltag integrieren, wo gibt es eine Elektroladesäule im Viertel? Wie kann Plastik eingespart und wie können Lebensmittel haltbar gemacht werden? Wo sind die Stromfresser im Haushalt?

Mit tatkräftiger Unterstützung der Anbieter konnten die teilnehmenden Haushalte rund 130-mal die breite Palette klimafreundlicher Angebote testen und ausprobieren.
Und der Erfolg wird in der qualitativen und quantitativen Evaluation des Reallabors deutlich: Im Schnitt hat jeder Haushalt innerhalb des Projektzeitraumes den CO2-Fußabdruck um 2,5 Tonnen reduziert. Hochgerechnet auf alle Haushalte in Münster entspräche das einer Reduktion von 380.000 Tonnen pro Jahr – oder dem jährlichen Verbrauch von 167.000 PKW – wobei in Münster nur 140.000 PKWs zugelassen sind.

Die gewonnenen Erkenntnisse aus dem Reallabor nutzt die Stadt Münster nun, um die bereits bestehende Mitmachkampagne fürs Klima, die „KlimaMischpoke“ (Mischpoke ist Masematte, Münsters alte Geheimsprache und bedeutet Gesellschaft), weiterzuentwickeln. Im Rahmen der Kampagne wird die Stadt Münster allen Bürgerinnen und Bürgern unterschiedliche Ebenen anbieten, um selber ins Mitmachen und Handeln zu kommen. Angefangen bei niederschwelligen Angeboten, wie einer ersten Erklärung, sich mit einfachen Maßnahmen zu beteiligen, reicht das Angebot bis hin zu ehrenamtlich getragenen Klimatrainings und weiteren Reallaboren.

Weitere Informationen unter:
www.klima.muenster.de
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