Grünschnitt: Vom Reststoff zum Wertstoff

Ein Netzwerk aus mittelständischen Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen hat in den vergangenen drei Jahren innovative Verwertungsmöglichkeiten für Grünschnitt entwickelt. Der Markteintritt steht nun bevor.

Über sechs Millionen Tonnen krautiger und holziger Grünschnitte fallen jährlich in Deutschland an. Sie entstehen etwa beim Mähen von Rasenflächen, beim Schnitt von Sträuchern und Bäumen oder bei der Landschafts-, Straßenrand- und Waldpflege. Das Material wird hauptsächlich zu Kompost verarbeitet, seine holzige Fraktion wird zudem anteilig großen Biomasse-Kraftwerken zugeführt. Szenarien, die mengenmäßig vielfach am Bedarf vorbeigehen oder nur eine vergleichsweise niedrige Wertschöpfung zulassen.

Im Gegensatz dazu ist eine Gruppe von in Deutschland überregional verteilten Sammelplatzbetreibern überzeugt, dass sich im Stoffstrom Grünschnitt viel ungenutztes Potenzial verbirgt. Um dieses zu erschließen, haben sie ein gemeinsames Handels- und Vertriebsunternehmen – die „BiomasseAufbereitung – Regional GmbH“ (BAR, Köln) – gegründet und 2013 das Innovationsnetzwerk Wertschöpfung – BiomasseAufbereitung Stofflich/Thermisch“, kurz W-BAST, initiiert. Ziel des Netzwerks war es, die Aufbereitung des Grünschnitts so weiterzuentwickeln, dass eine Produktvielfalt ermöglicht und der Reststoff Grünschnitt zum Wertstoff wird. Heute, drei Jahre später, sind die ersten technologischen Entwicklungen soweit abgeschlossen, dass der Markteintritt erfolgen kann.

Netzwerk und Struktur

W-BAST ist ein interdisziplinäres Kooperationsnetzwerk mit derzeit zwölf mittelständischen Industriepartnern. Gemeinsam bilden diese Unternehmen die komplette Wertschöpfungs- kette von der Rohstoffgewinnung bis hin zum Absatz auf Verbraucher- und Geschäftskundenmärkten ab. Auf operativer Ebene versammelt W-BAST Kompetenzen aus dem Maschinen- und Anlagenbau, der Energie- branche, dem Vertrieb wie auch der Verwertung und Verarbeitung von Grünschnitt.

Mit der Hochschule Darmstadt, der Hochschule Ruhr West (Mülheim an der Ruhr), der Fachhochschule Aachen und der Hochschule Osnabrück stehen dem Netzwerk zusätzliche Forschungskompetenzen zur Verfügung. Das Bundeswirtschaftsministerium hat W-BAST im Rahmen der Initiative „Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand“ bis März 2016 gefördert. Gemanagt und koordiniert wird das Netzwerk durch die Innovationsberatung BERNHARD JÖCKEL aus Darmstadt.

Wirtschaftliches und nachhaltiges Produktportfolio

Die Aufbereitung von Grünschnitt zu einem Sekundärrohstoff ist in vielerlei Hinsicht für die Netzwerkpartner attraktiv. So bietet der bislang kaum verwertete Grünschnitt die Möglichkeit, lukrative Gewinnmargen zu erzielen. Darüber hinaus sprechen auch die ökologische Potenziale und die Nachhaltigkeit für das Schaffen von Produkt- und Verfahrens- innovationen auf Basis von Grünschnitt.

Beispielsweise liegt das theoretische Einsparpotenzial an CO2-Emission bundesweit bei jährlich rund sechs Millionen Tonnen. Ein weiterer Vorteil in der Verwendung des Grünschnitts ist die überdurchschnittliche gute, regionale Zugänglichkeit der Ressource. Da Grünschnitt im gesamten Bundesgebiet anfällt, ist der Zugang zum Reststoff dauerhaft sichergestellt und zudem mit geringem logistischen Aufwand und niedrigen Kosten verbunden.

Im Rahmen des Netzwerks wurden bisher acht Entwicklungsprojekte erfolgreich initiiert, die sich in unterschiedlichen Umsetzungsstadien befinden. Sie erstrecken sich über die gesamte Wertschöpfungskette, von der Aufbereitungstechnik über die Verarbeitung bis zur Herstellung des Endproduktes. Im Bereich der stofflichen Aufbereitung liegt der Fokus auf dem Einsatz von Grünschnitt als Sekundärrohstoff für Wood-Plastic-Composite- Produkte und Düngemittel. Im Bereich der energetischen Aufbereitung sind Entwicklungen zur Nutzung von Grünschnitt in Biogas- und Holzfeuerungsanlagen weit fortgeschritten.

Darüber hinaus wurde im Rahmen des Netzwerks von einem Projektteam eine Brikettierpresse entwickelt, mit der erstmals mobil an mehreren Sammelplätzen Briketts aus aufbereitetem Grünschnitt gepresst werden können. In dem vorgelagerten Aufbereitungsprozess wird das Grünschnittholz von mineralischen Störstoffen befreit. Derzeit werden große Mengen Holzbriketts mit erheblichem logistischen Aufwand nach Deutschland importiert. Dies lässt die Vermarktungspotenziale von Grünschnittbriketts am deutschen Markt vielversprechend erscheinen. Die Grünschnittbriketts bieten sowohl ökologisch, als auch ökonomisch eine echte Alternative zu preisintensiven Importen.

Wood-Plastic-Composite (WPC) Produkte aus Grünschnittholz

In einem weiteren durch das BMWi geförderten Projekt wurde eine Verfahrenstechnik entwickelt, mit der unerwünschte Begleitstoffe im holzigen Grünschnitt reduziert werden können und anschließend in einem sogenannten Planetwalzenextruder mit dem Kunststoff erstmalig zu einem Compound verbunden werden.

Aus dem WPC-Compound können dann beispielsweise Terrassendielen, Geländer oder Zaunpfähle und sogar Swimming-Pool Verkleidungen hergestellt werden, die eine Holzoptik aufweisen. Durch die Zugabe des Kunststoff- anteils kann den für Holz üblichen Alterungs- erscheinungen entgegen gewirkt werden. So entfällt zum Beispiel das ansonsten übliche Abschleifen und Lackieren von Holzdielen.

Bislang wird primär hochwertiges Stammholz für WPC-Anwendungen verwendet. Mit dem neuen Verfahren ist es möglich, das Stammholz durch Grünschnittholz zu ersetzen, bei einem Füllgrad von über 70 %. Die physikalischen Eigenschaften des Grünschnitt- WPC-Compounds sind dabei vergleichbar zu Marktmitbewerber-Produkten. Der WPC-Markt wächst weltweit und hier besteht die Chance, aus dem derzeitigen Reststoff einen nachgefragten Wertstoff Grünschnitt zu machen.

Zukunft der Grünschnittverwertung

Mit dem erfolgreichen Abschluss eines Teils der Entwicklungen kann jetzt sukzessive der Markteintritt erfolgen. Grünschnitt fällt regional an und sollte deshalb auch regional aufbereitet und weiterverarbeitet werden. Initiiert werden derzeit sogenannte Biofabriken, in denen der Grünschnitt zu Zwischen- und Endprodukten verarbeitet wird. Lokal absetzbare Produkte (z.B. Briketts, Düngemittel, Holzhackschnitzel) können dann auch in der Region vertrieben werden. Gesucht werden derzeit deutschlandweit geeignete Produktionsstandorte. Parallel dazu werden weitere Technologieentwicklungen fortgeführt, um die Wertschöpfung des Grünschnitts zu maximieren.

Autor: Dr. Christian Struve

Weitere Informationen unter:
www.w-bast.de
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