Previous Page  3 / 68 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 3 / 68 Next Page
Page Background

EDITORIAL

„Das Bessere ist des guten Feind“, viele

Landmaschinenhersteller handeln nach

diesem Leitsatz und beweisen erneut ihre

Innovationskraftmit über 320Neuheitenan-

meldungen im Medaillenwettbewerb zur

Agritechnica 2017. Unternehmerischer

Weitblick und Risikobereitschaft der ver-

antwortlichen Manager sowie ein großer

Ideenreichtum der beteiligten Ingenieu-

rinnen und Ingenieure waren notwendig,

um die vorgestellten Neuheiten hervorzu-

bringen.

Neues entsteht auch in unserer Branche nicht

zufällig: Ein kreatives Umfeld in den Firmen

ist für die Entwickler ebenso notwendig wie

das Wissen um die aktuellen Bedürfnisse der

Kunden, der Landwirte. Landtechnikermüssen

Möglichkeiten und Freiräume bekommen,

um ihre kreativen Ideen mit viel Erfahrung

aus der landwirtschaftlichen Praxis und im

ständigen Austausch mit Landwirten und

Wissenschaftlern entwickeln zu können. Im-

merwichtiger wird die echte interdisziplinäre

Zusammenarbeit in den Entwicklungsteams,

zumBeispiel vonMaschinenbauern, Physikern,

Hard- und Softwarespezialisten. Grundlage

dieser „echten“ Zusammenarbeit ist, dass

sich alle am Projekt Beteiligten gegenseitig

respektieren, dass sie trotz ihrer persönlichen

Spezialisierung im jeweiligen Fachgebiet die

Überlegungen der anderen Teammitglieder

verstehen und auf ein gemeinsames Ziel hin-

arbeiten. An dieser Stelle wird die Innovati-

onskultur in den einzelnen Unternehmen

sichtbar, dieFörderungdurchdasManagement

und eine Innovationsstrategie. Denn die

Schaffung neuer Lösungen erfordert in den

allermeisten Fällen jahrelange Arbeit und er-

hebliche Investitionen ohne kalkulierbare

Rendite.

Einige der vorgestellten Neuheiten weisen weit

in die Zukunft und ermöglichen Anwendungen,

die sich viele Landwirte heute noch gar nicht

vorstellen können. Dies gilt beispielsweise

für MARS, die erste kommerziell verfügbare

Landmaschine der Schwarmtechnologie.

MARS - Mobile Agricultural Robot Swarms

von AGCO-Fendt umfasst kleine, etwa 40 kg

leichte autonomeMaschinen, die durch einen

Maschinenführer auf demAcker „ausgesetzt“

werden und die Maisaussaat erledigen. Der

Maschinenführer transportiert sie mit einem

Sammeltransport auf das Feld und ist an-

schließend nur noch für Befüllung und Über-

wachung zuständig. Die Mitglieder der

DLG-Neuheitenkommission diskutierten über

diese Innovation sehr ausführlich und kon-

trovers: Schwer wogen die Fragezeichen der

PraktikergegendieBegeisterungderIngenieure.

Wir dürfen gespannt sein, wie sich dieses

System amMarkt behaupten wird!

Sieben Jahre Detailarbeit stecken in Sensosafe,

dem direkt amMähwerk installierten Sensor-

balken zum Schutz versteckter Wildtiere, vor-

gestellt vonPöttinger. Optische Infrarotsensoren

mit integrierter LED-Beleuchtung erkennen

die Tiere während des Mähens und senden

ein Signal an die Mähwerkshydraulik, die das

Mähwerk automatisch aushebt und auf diese

Weise die Tiere rettet. Das Systemunterscheidet

selbst bei vollemTageslicht undhoher Sonnen-

einstrahlung Wildtiere von anderen Hinder-

nissen,wie z. B.Maulwurfshügeln.Wenndieses

System wie vom Hersteller angegeben in der

Praxis funktioniert, wäre dies ein Meilenstein

im aktiven Tierschutz, da alle bisher verwen-

deten Techniken nicht immer zufriedenstellend

arbeiten. Dieses Projekt zeigt sehr deutlich,

wie ernst die Landmaschinenhersteller ihre

Verantwortung gegenüber der Gesellschaft

nehmen. Stehen doch Landwirte und ihre

Maschinen oft in der öffentlichen Kritik der

Medien.

Einweiteres Beispiel für den verantwortungs-

vollen Umgang mit gesellschaftlichen Anfor-

derungen an die Nutzer von Landmaschinen

kommt vonClaas:Das „Telematics LargeVehicle

Alert System“ informiert die Fahrer vernetzter

Automobile proaktiv über Position und Status

von landwirtschaftlichen Maschinen auf ihrer

Route. Die spannende Frage lautet: Wie rea-

gieren die Automobilhersteller auf dieses An-

gebot?

Im Gegensatz zu vollmundigen Ankündi-

gungen mancher Hersteller stehen wir bei

der Einführung der digitalen Landwirtschaft

und der Nutzung von Big Data-Technologien

noch ganz amAnfang. Besonders sensibel für

europäische Landwirte ist die Kundenbin-

dung an einen großen Hersteller durch die

Nutzung seines proprietären Datenmanage-

mentsystems. Eine Alternative für kleine und

mittelständische Betriebe bietet dasmit einer

Silbermedaille ausgezeichnete „agrirou-

ter“-System, eine Gemeinschaftsentwicklung

mehrerer Hersteller unter Leitung der DKE-

data GmbH.

Die Entwicklung spezifischer Sensoren für

Landmaschinen ist nach wie vor ein Trend

und ergänzt den Katalog der Neuheiten. Erst-

mals stellt ein Konsortium um die Firma Pöt-

tinger ein System vor, das das Bearbeitungs-

ergebnis während der Bodenbearbeitung

misst und die Bearbeitungsintensität aktiv re-

gelt. Dies ist ein mutiger Schritt, gehört doch

die Bodenbearbeitung zu den komplexesten

Bereichen der landwirtschaftlichen Verfah-

renstechnik.

Elektrische Mobilität ist mittlerweile zum

Wahlkampfthema in Deutschland avanciert.

Auch in der Landtechnikbranche gab es in

den letzten Jahren viele Diskussionen um

elektrische Antriebe. Nur wenige kommerzielle

Lösungen sindbisher auf demMarkt angekom-

men. In diesem Jahr präsentiert AGCO-Fendt

als Erster einen vollelektrischen Traktor und

eröffnet damit ein neues Marktsegment in

der 50 kW-Klasse. Mit Sicherheit wird diese

Maschine Anwender undHersteller zuweiteren

Ideen für die sinnvolle Nutzung elektrischer

Antriebe bei Landmaschinen anregen.

Abschließend bringe ich auch imNamen aller

Mitglieder der DLG-Neuheitenkommission

meine Hoffnung zum Ausdruck, dass die

Hersteller ihre Zusagen einhalten und alle

prämierten Produkte spätestens im Jahr 2018

auf demMarkt verfügbar sind.

Nun wünsche ich Ihnen, liebe Leser, eine in-

teressante Agritechnica 2017 mit guten Ge-

sprächen, vielen Anregungen, einem regen

Erfahrungsaustausch und natürlich – begei-

sternder neuer Technik. Für alle Beteiligten

bleibt zu wünschen, dass sich der Kreis aus

innovativer Entwicklungsarbeit unserer Inge-

nieure und praktischem Nutzen im Alltag

schließt. Hier tragen sie, die Landwirte, maß-

geblich zur Entscheidung bei, ob das Neue

auch das Bessere ist, denn nur das Bessere ist

des Guten Feind.

www.dlg.org

KD014

Innovationen und Trends auf der Agritechnica 2017

Prof. Dr. Till Meinel, Institut für Bau- und Land-

maschinentechnik an der TH Köln, Vorsitzender

der Agritechnica-Neuheitenkommission

KOMMUNAL DIREKT November / Dezember 2017

1