23. Tagung Leitungsbau in Berlin

Erfolgreich handeln in veränderten Märkten

„Vor zwölf Monaten hätte uns noch jeder für verrückt erklärt, wenn wir gesagt hätten, dass Erdkabel die Zukunft sind – heute haben sie per Gesetz Vorrang“: Für die thematische Einleitung zur 23. Tagung Leitungsbau in Berlin hatte rbv-Geschäftsführer Dipl.-Wirtsch.-Ing. Dieter Hesselmann ein Beispiel gewählt, das die Rasanz anschaulich macht, mit der sich Märkte und gesetzliche Rahmenbedingungen für den Leitungsbau wandeln.

Der Auftakt gab gleichsam exemplarisch den roten Faden für die zweitägige Veranstaltung vor, die in diesem Jahr unter dem Motto „Erfolgreich handeln in veränderten Märkten“ stand. rbv-Präsidentin Dipl.-Volksw. Gudrun Lohr-Kapfer nannte in ihrer Eröffnungsrede die Herausforderungen, mit denen sich die Leitungsbauunternehmen in diesem Jahr auseinandersetzen müssen. In den vergangenen fünf Jahren hätten sowohl die Energiewende und der damit verbundene Ausbau der erneuerbaren Energien als auch europäische Einflüsse auf Rahmenbedingungen, Verordnungen und Gesetzgebung maßgeblichen Einfluss ausgeübt – auf den europäischen und den nationalen Binnenmarkt ebenso wie auf die dezentralen Märkte, in denen der Leitungsbau tätig sei.

Faktoren wie etwa die Anreizregulierungsverordnung wirkten sich oft negativ auf die Investitionsbereitschaft von Versorgern und Stadtwerken aus: Um stagnierende oder sogar sinkende Erlöse zu kompensieren, werde an anderer Stelle gespart. Wie muss der Leitungsbau mit dieser Situation umgehen? Wie machen sich die Einflüsse der EU-Kommission auf die Energieversorgung in Deutschland bemerkbar, ist die deutsche Energiewende überhaupt realisierbar? Mit welchen Haftungsrisiken müssen sich Netzdienstleister auseinandersetzen? Wie sehen die Erwartungen aus, die ein modernes Versorgungsunternehmen zukünftig an den Leitungsbau heranträgt? Hochkarätige Redner aus ganz unterschiedlichen Bereichen trugen dazu bei, diese Fragen im Rahmen einer Veranstaltung zu beantworten, die seit vielen Jahren als Forum für Informationsaustausch gilt und als Impulsgeber, der für die Teilnehmer Mehrwert bringt, um auch in sich ändernden Märkten erfolgreich handeln zu können.

Dialog statt stilles Kämmerlein

„Die Fragen und Aufgabenstellungen sind nicht weniger geworden“, so Lohr-Kapfer, „und sie fordern uns mehr denn je zur Analyse der veränderten Bedingungen und zur aktiven Auseinandersetzung mit ihnen auf“. Eines war der Rednerin dabei besonders wichtig: Die vielseitigen Aufgaben, die den Leitungsbau in Zukunft erwarteten, seien „nicht im stillen Kämmerlein“ zu lösen. „Abgrenzen und ausgrenzen ist der falsche Weg – aufeinander zuzugehen und die offene Auseinandersetzung mit regionalen Akteuren zu suchen eröffnet uns neue Wege, um gemeinsam ressourcenschonende Abläufe zu überdenken und zu überlegen, wie sich Arbeitsinhalte und Tätigkeiten vereinfachen lassen und der Energieeinsatz optimiert werden kann.“

Dabei stehe der Verband seinen Mitgliedern bei Round-Table-Gesprächen zur Seite. Gerade in den letzten vier Jahren sei die Verbandsarbeit stark darauf ausgerichtet gewesen, das „Netzwerk Energiewirtschaft“ auszubauen und den Dialog mit den Partnerverbänden des rbv sowie den großen Energieversorgern zu intensivieren. „Fahren wir fort, uns auseinanderzusetzen und zusammenzusitzen, um aufschlussreiche Gespräche zu führen“, so der Appell, mit dem die rbv-Präsidentin ihr Grußwort beschloss.

Konsum bleibt Stütze der Konjunktur

„Bauwirtschaft 2016 im Spannungsfeld von gesellschaftlichen Herausforderungen und politischen Sachzwängen“: Der Titel, unter den RA Michael Knipper, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie e. V. (HDB), seinen Vortrag gestellt hatte, war bewusst mit Blick auf die momentanen gesellschaftlichen Entwicklungen und deren Wahrnehmung gewählt. „Unser Land steht vor großen Herausforderungen, und viele von uns wünschen sich, dass die erforderlichen Debatten weniger aufgeregt, weniger emotional und mit mehr Rationalismus geführt werden.“

Das jedoch sei immer schwieriger in einer Mediengesellschaft, die sich an Gegensätzen ergötze. Da sei zum Beispiel die Frage danach, ob die öffentliche Wahrnehmung der deutschen Wirtschaft im Allgemeinen und der Bauwirtschaft im Besonderen der Realität entspreche. Der starke Anstieg der Beschäftigung und der fortgesetzte Rückgang der Arbeitslosigkeit seien ebenso wirtschaftspolitische Erfolge wie die von den öffentlichen Haushalten erwirtschafteten Überschüsse und die hohe Wettbewerbsfähigkeit der Exportunternehmen. Allerdings ist das Wachstum einseitig konsumgetrieben, und mit Blick auf Investitionen ist Deutschland nach wie vor das Schlusslicht der Industrieländer.“ Die Produktivitätsentwicklung sei schlecht, die hiesige Infrastruktur verfalle trotz der vorhandenen Überschüsse.

In der Baubranche, der es 2015 vermeintlich gut gegangen sei, entpuppe sich bei näherem Hinsehen der Wohnungsbau als einziger Wachstumstreiber; generell führe der enorme Preiskampf in der Branche nicht zu zufriedenstellenden Renditen. Mit einem voraussichtlichen Plus von 1,8 % werde sich das gesamtwirtschaftliche Wachstum 2016 zwar auf Vorjahresniveau bewegen, die weiterhin schwächelnden Exporte sowie eine mögliche Zinswende der EZB stellten jedoch ebenso nicht zu unterschätzende Risiken dar wie Krisen im internationalen Umfeld, die den Export zusätzlich schwächen könnten. Vor allem aber bleibe „die große Frage, die auch niemand so richtig beantwortet: Wie geht es weiter mit den Flüchtlingen – und wie wird sich deren hohe Zahl auswirken?“

Nach anfänglicher Euphorie sei inzwischen begriffen worden, dass zunächst große Her­ausforderungen zu bewältigen seien, bevor „vielleicht irgendwann ein Teil der Flüchtlinge“ tatsächlich einen Beitrag für die Sozialsysteme leisten könne, formulierte der Redner vorsichtig. Im Folgenden ging Knipper eingehender auf die mit der Integration von Flüchtlingen verbundenen Herausforderungen und Erfordernisse ein. Dreh- und Angelpunkt sei die Förderung der Sprachkompetenz; als „völlig unverständlich“ prangerte der Redner die Aufenthaltsregelung bei einer betrieblichen Ausbildung an:„Es kann nicht sein, dass ein Auszubildender lediglich ein Aufenthaltsrecht für ein Jahr hat, das jährlich verlängert wird bzw. werden kann, und jederzeit die Abschiebung droht.“ Grundsätzlich bedürfe die Integration von Flüchtlingen mit Bleibeperspektive professioneller Strukturen.

Branche wird gebraucht

Zu den Zukunftsaufgaben, derer rbv und HDB sich gemeinsam annehmen müssten, zählte der Redner neben der im Wettbewerb schwer durchzusetzenden Verbesserung der Umsatzrendite sowie der Digitalisierung vor allem die Lösung des Personalbedarfs. Die Branche müsse verstärkt die noch immer verkannte Attraktivität einer Ausbildung im Bau deutlich machen, und neben der klassischen Ausbildung müssten alternative Qualifikationswege eröffnet werden.

Zudem müsse man Zielgruppen ins Auge fassen, die man bislang ggf. vernachlässigt habe – das könnten etwa Studienabbrecher im Bauingenieurwesen sein, die bereits eine Affinität zur Branche hätten und über Vorkenntnisse verfügten, in Frage kämen aber eben auch Flüchtlinge bzw. Asylbewerber mit Bleiberechtsperspektive.
Knippers Resümee: Nach wie vor gebe es „fundamentale Schwächen, die angegangen werden müssen, aber unsere Branche wird gebraucht – und wenn wir mit kühlem Kopf agieren, schaffen wir das.“

Asset Management ist eine Generationenfrage

Auf den Zustand der Infrastruktur im Bereich der Wasserversorgung sowie den notwendigen Erneuerungsbedarf ging Prof. Dr.-Ing. Frieder Haakh ein. Praxisnah stellte der Technische Geschäftsführer des Zweckverbandes Landeswasserversorgung, Stuttgart, die Anforderungen dar, die sich mit Blick auf das Asset Management eines Fernwasserversorgers stellen, und warb für das in Stuttgart betriebene Modell. Dreh- und Angelpunkt einer jeden Ist-Analyse sei die Kapazität, die in Spitzenzeiten abgegeben werden müsse.

„Was muss das Wassernetz leisten, welchen Einflüssen unterliegt es?“ – das sei die zentrale Frage, auf die man unter Zuhilfenahme von Planspielen und Simulationen eine Antwort finden müsse. Die wirtschaftlichste Vorgehensweise bestehe darin, rechtzeitig zu inves­tieren – nur so könne sichergestellt werden, dass ein von Vorgängergenerationen übernommenes Gut so nachhaltig gepflegt und instandgehalten werde, dass auch nachfolgende Generationen von einer funktionierenden Versorgungsinfrastruktur ohne Instandhaltungs- und Erneuerungsrückstände profitieren könnten. Nachhaltiges Asset Management in der Wasserversorgung erstreckt sich in seiner Reichweite über mindestens eine Generation und erfordert robuste, geeignete Werkzeuge sowie eine belastbare Datengrundlage, lautete dementsprechend das Fazit des Redners, der zudem darauf hinwies, „dass die Kommunikation zu den kommunalen Entscheidungsträgern und in die Bürgerschaft ebenso wichtig ist wie die Herleitung der Ergebnisse“.

Mit seiner Bewertung der Bedeutung der Kommunikation befand sich Haakh im Schulterschluss mit Moderator Hesselmann. Bei der Überleitung zum nächsten Vortrag nannte der Geschäftsführer des Rohrleitungsbauverbandes als Beispiel für den hohen Stellenwert des offenen Dialogs zwischen Leitungsbauern und Auftraggebern die im Nachgang zur 22. Tagung Leitungsbau auf den Weg gebrachten Gespräche mit der Thüga AG.

Was, wann, wo, wer?

Was der Leitungsbau bieten müsse, um einen Vertragsabschluss zu erzielen, erläuterte im Anschluss Dipl.-Ing. (FH) Maik Wortmeier, Geschäftsführer e-netz Südhessen GmbH & Co. KG, Darmstadt. „Was erwartet ein modernes Versorgungsunternehmen von einem Leitungsbauunternehmen?“, lautete die Frage, die Wortmeier als Titel für seinen Vortrag gewählt hatte.

Die Antwort: Gefragt sei ein Komplettdienstleister, der mit dem Auftraggeber einen gemeinsamen Weg erarbeite und sich auf dessen Ideen freue. Was, wann, wo, wer – das seien die zentralen Fragen, die sich bei der Vergabe stellten und die bei der Bestandsaufnahme und Weiterentwicklung in den verschiedenen Bereichen des Unternehmens regelmäßig zugrunde gelegt würden. Einen hohen Stellenwert hat in der Philosophie des Hauses der Begriff der Verantwortung, hier habe sich in den letzten Jahren ein Wandel vollzogen – der Grad der Verantwortung, die Partner von e-netz trügen, sei heute deutlich höher als in der Vergangenheit.

„Wir haben für den Bereich Rohr eine klare Vorstellung, was wir wie umsetzen wollen und wie die Verantwortlichkeiten gelagert sind“, so Wortmeier, und die Arbeitsverantwortung erstrecke sich von der Genehmigungs- und Ausführungsplanung über Bau und Umsetzung bis zur digitalen Dokumentation. e-netz verstehe den Netzbetrieb „als Dauerzustand und Daueraufgabe“ und richte seine Planung darauf aus, auch auf unvorhergesehene Ereignisse angemessen reagieren zu können. Entscheidender Faktor sei dabei der Mitarbeiter in seiner Eigenschaft als „verlängerter Arm“ des Netzbetreibers gegenüber Kommunen, Kunden und weiteren Partnern.

Sowohl für Netzbetreiber als auch für die ausführenden Unternehmen des Leitungsbaus lohne es sich, über zentrale Fragen nachzudenken: Haben wir digitales Know-how im Unternehmen? Inwieweit müssen wir das Bewusstsein schärfen für die Übernahme von Verantwortung bei Wartung und Inspektion? Die fachliche wie auch persönliche Ausbildung von Mitarbeitern müsse als strategisches Element begriffen werden, so Wortmeier: „Wir müssen am Qualitätssystem arbeiten.“ Kommunikation und Ziel-Weg-Entwicklungsbereitschaft seien in jedem Unternehmen wichtige Punkte; außerdem gewinne die Kompetenz in Trassierung und Ausführungsplanung zunehmend an Bedeutung. Und auch diese Botschaft war dem Referenten wichtig: „Partnerschaft ist etwas, das gelebt werden muss – der Abschluss fairer Verträge und die Bereitschaft, in einen technischen Dialog einzutreten, gehören unbedingt dazu.“

Deutschland ist LNG-Entwicklungsland

Mit der steigenden Bedeutung von Flüssiggas oder LNG (liquid natural gas) befasste sich der Vortrag von Dr. Dietrich Gerstein, Essen. Weltweit ist derzeit ein Ausbau der Verflüssigungskapazitäten zu beobachten, insbesondere im asiatischen Raum dürften die Kapazitäten bis 2030 deutlich zunehmen. Auch in Deutschland sieht der Redner neue Marktsegmente für LNG: Die ökologischen, regulatorischen und ökonomischen Rahmenbedingungen seien Treiber für Flüssiggas, zumal LNG sich auch als Ersatz für Dieselkraftstoff eigne – sowohl im Lkw-Schwertransport als auch in der See- und Binnenschifffahrt könne LNG eine umweltfreundlichere Alternative zu herkömmlichen Treibstoffen bieten. Deutschland stehe hier zwar noch sehr am Anfang, aber „LNG als Kraftstoff ist ein Thema, das uns noch sehr beschäftigen wird“, so Gerstein.

Weitere Informationen unter:
www.rohrleitungsbauverband.de
KD1602051