Brandschutz im Hochregallager: *Lange Wartezeit für die Feuerwehr Im Rahmen der Überarbeitung der VDI-Richtlinie 3564 "Empfehlung für den Brandschutz in Hochregallagern" wurde vorgeschlagen, den Wert für die Öffnungsflächen von Rauchabzügen (NRA) zu reduzieren. Um zu überprüfen, wie sich verkleinerte Rauchabzugsöffnungen auf das Brandgeschehen und die Löscharbeiten der Feuerwehr auswirken, initiierten Mitglieder des zuständigen Normenausschusses DIN 18232 im 9. Juni 2001 Rauchversuche in dem Hochregallager einer Aachener Fabrik. In einer Gesprächsrunde diskutierten anschließend Brandschutz-Fachleute und Vertreter der Feuerwehr die Ergebnisse und Konsequenzen aus den Rauchversuchen. Teilnehmer waren Dipl.-Ing. Thomas Fr. Hegger, Obmann Normenausschuss DIN 18232, Prof. Dr.-Ing. Hans Joachim Gerhardt, IFI Aachen, Georg Schmidt, Leiter Vorbeugender Brandschutz von der Berufsfeuerwehr Aachen sowie Dipl.-Ing. Gerd Jung, vereidigter Sachverständiger für den baulichen Brandschutz.
Kommunal Direkt: Herr Hegger, warum mussten die Rauchversuche durchgeführt werden?
Hegger: Wenn in einem Hochregallager ein Brand ausbricht, ist in kurzer Zeit alles verqualmt. Damit die Feuerwehr ihren Auftrag erfüllen kann, muss erst der Brandrauch ausreichend verdünnt sein. Wie schnell das geht, hängt von der Öffnungsfläche der Rauchabzüge und der Zuluft ab. Der Wert für diese Öffnungsfläche ist z. B. in der VDI-Richtlinie 3564 festgelegt, und zwar zur Zeit als prozentualer Anteil der aerodynamisch wirksamen Öffnungsfläche an der Grundfläche des betreffenden Rauchabschnitts im HRL. Die Rauchversuche im HRL der Aachener Firma Grünenthal sollten zeigen, was im Brandfall passiert, wenn man wie vorgeschlagen den bisher gültigen Wert von 3 % Öffnungsfläche auf 0,5 % reduziert.
Kommunal Direkt: Zu welchen Ergebnissen haben die Rauchversuche geführt?
Jung: Wir haben während der Versuchsabläufe nur subjektive optische Eindrücke gesammelt. Die Rauchversuche geben daher Antwort auf die Frage "Tritt überhaupt Rauch aus den NRA aus". Für eine quantitative Bewertung, also eine Beantwortung der Frage "Wie viel Rauch tritt in der Zeiteinheit durch die NRA aus", waren die Versuche nicht ausgelegt.
Hegger: Außerdem ist das HRL der Firma Grünenthal baulich bedingt ein Sonderfall eines HRL. Die Rauchversuche fanden - unter dem Gesichtspunkt des optimalen Rauchabzugs - unter Idealbedingungen statt. Trotzdem bildeten sich schnell Rauchgasschichten mit einer Schichtstärke von 5 bis 12 m aus. Es ist also davon auszugehen, dass die Rauchgasschichten bei realen Bränden in HRL mit offenen Regalsystemen wesentlich ausgeprägter sind.
Kommunal Direkt: Hat es die Feuerwehr bei einem Brand im HRL nicht viel einfacher als zum Beispiel bei Bränden in Wohngebäuden? Die meisten HRL arbeiten doch vollautomatisch und sind menschenleer.
Schmidt: Bei einem Brand in einem HRL sind meist in der Tat keine Personen zu retten. Doch bevor wir jedoch die Sprinkleranlage abschalten und abrücken können, müssen wir sicher sein, dass alle Schwelbrände und Brandnester gelöscht sind. Dazu brauchen wir eine ausreichende Sicht auf alle Bereiche des HLR, also z. B. auf die oberen Regalbereiche. Die ist allerdings bei zu geringen Rauchabzugsflächen, wie bei den Rauchversuchen beobachtet, nicht gegeben, da sich im oberen Raumvolumen eine starke Rauchschicht ausbildet. Wir müssen also so lange warten, bis der Rauch abgezogen ist. Einen längeren Einsatz an einem Brandort kann sich die Berufsfeuerwehr aber wegen der geringen personellen Kapazität nicht leisten - wer soll dann die anderen Brände löschen?
Prof. Gerhard: Eines haben die Vesuche gezeigt: 0,5 % Öffnungsfläche reichen selbst unter diesen idealen Bedingungen nicht aus, um das erforderliche raucharme Raumvolumen in allen Bereichen innerhalb eines angemessenen Zeitrahmens zu erzielen.
Kommunal Direkt: Wie lange dauert es, bis der Rauch abgezogen ist?
Prof. Gerhardt: Nach meinen Berechnungen dauert es in dem Aachener HRL bei einem Brandfall mit Sprinklereinsatz bei einer Öffnungsfläche von nur 0,5 % für den Rauchabzug mindestens 55 Stunden, bis sich das Rauch-/Wasserdampfgemisch so weit verflüchtigt hat, dass die Sichtverhältnisse für die Feuerwehr ausreichen. Unter Einsatz von Hochleistungslüftern reduziert sich diese Zeit theoretisch auf 16 Stunden. Selbst bei einer Öffnungsfläche von 5 % dauert es immerhin noch etwa sechs Stunden, bis das Raumvolumen ausreichend verdünnt und raucharm ist.
Kommunal Direkt: Warum überlässt die Berufsfeuerwehr die Löscharbeiten nicht der Freiwilligen Feuerwehr oder der Werksfeuerwehr?
Schmidt: Der Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr über einen längeren Zeitraum führt nicht selten zu Problemen mit den Arbeitgebern. Werkfeuerwehren könnten dagegen unter Einsatz einer Sprinkleranlage theoretisch so lange am Brandort warten, bis jede Gefahr ausgeschlossen ist. In diesem Fall stellt sich allerdings die Frage, ob es überhaupt möglich ist, die dabei entstehenden kontaminierten Löschwassermengen unter Einhaltung der entsprechenden Umweltgesetze zu entsorgen.
Dipl.-Ing. Klaus Jürgen Czech zu dem Problem der Verrauchung in einem HRL:
"Die Einsatzkräfte sind bei einem Brand grundsätzlich verpflichtet, sich Gewissheit darüber zu verschaffen, dass keine weiteren Brandnester oder andere Gefahrenherde bestehen, bevor sie abrücken. Doch das ist in einem HRL mit 32 m Höhe leichter gesagt als getan. Die Feuerwehr ist hier nicht mehr in der Lage, mit eigenen Einsatzmitteln einen Brandherd im oberen Raumvolumen bei dichtem Rauch zu finden und zu erreichen. Eine ausreichende Sicht bis zur Decke ist deshalb unabdingbar, um eine Entscheidung über das Abschalten der Sprinkleranlage bzw. die Durchführung von Nachlöscharbeiten oder die Anweisung zum Abrücken der Einsatzkräfte treffen zu können. Die Feuerwehren wären deshalb gezwungen, ihre Einsatzkräfte an diesem HRL für einen längeren Zeitraum am Brandort vorzuhalten. Dies kann bedeuten, dass während dieser Zeit an anderen Einsatzorten Einsatzpersonal und technisches Equipment nicht mit ausreichender Qualität im Sinne des Schutzzieles zur Verfügung steht."
Herr Czech ist Branddirektor bei der Feuerwehr Frankfurt am Main, Abteilungsleiter Vorbeugender Brandschutz und Technischer Einsatzleiter.
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